Mit 40 aufhören zu arbeiten: eine ehrliche Rechnung
Wir haben es für eine Familie mit zwei Kindern in München durchgerechnet – mit Miete, Krankenversicherung, Kinderkosten und Pflegereserve. Das Ergebnis ist unbequem.
Grundlage: zwei Erwachsene, zwei Kinder (Durchschnittsalter 5), 100 Quadratmeter Miete in München, 5 Prozent Bruttorendite, 2 Prozent Inflation, 24 Monate Pflegereserve. Gerechnet mit dem Modell dieser Website. Keine individuelle Empfehlung.
Die Rechnung, die in fast jedem Video fehlt
„Mit 40 aufhören zu arbeiten“ ist einer der meistgeklickten Sätze im deutschsprachigen Finanz-Internet. Die Zahlen dahinter bleiben meistens vage: irgendwas mit 4 Prozent, irgendwas mit ETFs, und am Ende steht eine Summe, die beeindruckend aussieht.
Rechnen wir es einmal durch. Mit einer echten Miete, echten Kinderkosten, echten Krankenversicherungsbeiträgen und der Methode dieser Seite.
Die Familie
35 und 37 Jahre alt, zwei Kinder (7 und 4). Beide arbeiten Vollzeit, Haushaltseinkommen 9.900 Euro netto. Sie wohnen zur Miete auf 100 Quadratmetern in München.
Die Wohnung kostet 2.370 Euro kalt – 23,70 Euro pro Quadratmeter. Dazu kommen 347 Euro Betriebskosten, Heizung und Strom, also 2.717 Euro warm. Für Lebensmittel, Versicherungen, zwei Autos, Kita, Kleidung und Urlaub rechnet das Statistische Bundesamt für einen Zweipersonenhaushalt mit 2.409 Euro.
Und dann ist da noch die Krankenversicherung. Wer nicht mehr arbeitet, zahlt freiwillig in die gesetzliche Krankenversicherung. In dieser Konstellation sind es rund 1.085 Euro im Monat – deutlich mehr, als die meisten erwarten.
Zusammen: 6.211 Euro monatlich.
Was daraus folgt
Bei der Methode dieser Seite – nur der reale Ertrag wird ausgegeben, das Vermögen bleibt erhalten – braucht dieser Haushalt das 491-Fache einer Monatsausgabe. Das sind 3,03 Millionen Euro an Kapital.
Dazu kommt ein zweiter Posten, der oft vergessen wird: Kinder kosten nicht monatlich für immer, sondern bis zum 18. Geburtstag. Der Rechner führt sie deshalb als eigenen Kapitalposten – hier 166.000 Euro. Und die Pflegereserve für 24 Monate zu je 3.364 Euro pro Person macht weitere 161.000 Euro aus.
In Summe: 3,35 Millionen Euro.
Wie lange dauert das?
Angenommen, die Familie hat bereits 200.000 Euro und legt ab sofort 3.000 Euro im Monat zurück, bei 5 Prozent Bruttorendite. Dann dauert es rechnerisch knapp 40 Jahre.
Die Eltern wären dann 75 und 77. Die Kinder 47 und 44.
Anders gesagt: „mit 40 aufhören“ ist für dieses Haushaltsprofil keine knappe Verfehlung. Es ist eine Größenordnung daneben.
Dieselbe Familie in Leipzig
10,50 Euro pro Quadratmeter statt 23,70. Die Wohnung kostet 1.050 Euro kalt, mit Nebenkosten 1.397. Bei sonst gleichen Ausgaben landet der Haushalt bei 4.610 Euro im Monat und einer nötigen Gesamtsumme von 2,57 Millionen.
Bei gleicher Sparrate dauert es gut 33 Jahre statt knapp 40.
Der Unterschied zwischen München und Leipzig beträgt rund 786.000 Euro. Er ist größer als in der Rechnung ohne Kinder, weil die Krankenversicherung am Kapital hängt und höhere Mieten über den Faktor stärker durchschlagen.
Wo die Rechnung kippt
Es gibt vier Stellschrauben.
- Früher anfangen. Zehn zusätzliche Jahre Zinseszins bringen bei 3.000 Euro im Monat rund 310.000 Euro – in heutiger Kaufkraft. Das ist der billigste Hebel, und der einzige, der sich nicht wiederholen lässt.
- Mehr zurücklegen. Bei 6.000 statt 3.000 Euro im Monat sinkt die Zeit von knapp 40 auf knapp 27 Jahre. Die Zeit halbiert sich fast. Ob ein Haushalt mit 9.900 Euro netto und 6.211 Euro Ausgaben 6.000 Euro zurücklegen kann, ist allerdings eine andere Frage: Es geht nicht.
- Weniger brauchen. Wer seine Lebenshaltung um 20 Prozent senkt, braucht rund 287.000 Euro weniger und ist etwa zwei Jahre früher frei. Der Effekt ist real, aber deutlich kleiner, als er klingt – weil Miete, Kinderkosten und Pflegereserve nicht mitsinken.
- Nicht ganz aufhören. Wer nur 60 Prozent der Ausgaben aus dem Vermögen deckt und für den Rest weiterarbeitet, braucht 2,01 Millionen statt 3,35 – und ist bei gleicher Sparrate nach 28 Jahren so weit.
Die ehrliche Version
Für einen Haushalt mit zwei Kindern, einem guten Doppelverdiener-Einkommen und Wohnsitz in München ist die vollständige finanzielle Freiheit mit 40 nicht erreichbar. Nicht mit Disziplin, nicht mit einem besseren ETF, nicht mit einem Nebenjob von 400 Euro im Monat.
Erreichbar ist etwas anderes: mit 45 die Arbeitszeit auf vier Tage reduzieren. Mit 50 nur noch das arbeiten, was man will. Mit 60 die Stelle wechseln, ohne über das Gehalt zu verhandeln. Das klingt weniger spektakulär als „mit 40 aufhören“, aber es ist die Version, die für normale Einkommen tatsächlich funktioniert.
Wer die beiden Ziele verwechselt, spart Jahrzehnte auf etwas, das er nie erreicht, und merkt es erst, wenn die Zeit weg ist.
Rechne deine eigene Zahl – mit deiner Stadt, deinen Kindern und deiner Sparrate.
Zum RechnerQuellen
- Destatis – Private Konsumausgaben nach Haushaltsgröße
- GREIX Mietpreisindex – Angebotsmieten Q2 2026
- Verbraucherzentrale – Freiwillig gesetzlich versichert
- vdek – Eigenanteile im Pflegeheim, Juli 2026
- Deutsches Aktieninstitut – Rendite-Dreieck MSCI World
Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ist keine Anlageberatung.